Warum wir mehr spielen, als wir denken – und was das für unser Leben bedeutet
Ist das Leben ein Spiel?
Auf den ersten Blick wirkt diese Frage provokant, vielleicht sogar verharmlosend.
Schließlich geht es im Leben um Ernstes: Entscheidungen, Verantwortung, Beziehungen und Zukunft.
Und doch lohnt sich ein zweiter Blick.
Denn in vielen Bereichen unseres Alltags verhalten wir uns tatsächlich wie Spielende.
Wir übernehmen Rollen, bewegen uns innerhalb von Regeln, reagieren auf andere Mitspielerinnen und Mitspieler und versuchen, in komplexen Situationen sinnvoll zu handeln.

Der Kulturwissenschaftler Johan Huizinga beschrieb den Menschen treffend als „Homo Ludens“, als spielendes Wesen.
Spielen ist demnach keine Nebensache des Menschseins, sondern eine grundlegende Form, wie wir die Welt erkunden, verstehen und gestalten.
Wenn das stimmt, stellt sich eine tiefere Frage: Was ist dann die eigentliche Essenz des Menschseins – jenseits aller Rollen und Spiele?
Ein hilfreicher Zugang kann das Modell des „Spielfelds des Menschseins“ sein. Es lädt dazu ein, das eigene Leben wie ein mehrschichtiges Spielfeld zu betrachten. Nicht im Sinne von „alles ist nur ein Spiel“, sondern als Struktur, die sichtbar macht, wie menschliches Handeln funktioniert.
Im Zentrum dieses Spielfelds steht das Selbst – die spielende Instanz.
Hier liegen Bewusstsein, Bedürfnisse, persönliche Werte, Identität und innere Motive.
Diese Ebene ist entscheidend, weil sie im Alltag oft überdeckt wird.
Viele Menschen verwechseln ihre Rolle mit ihrem Selbst. Sie sagen: „Ich bin Führungskraft“, „Ich bin Schüler“ oder „Ich bin erfolgreich“. Doch das sind Rollenbeschreibungen, keine Wesensbeschreibungen. Eine der stärksten menschlichen Kompetenzen besteht darin, sich selbst beim Handeln beobachten zu können. Der Mensch ist nicht nur Teil des Spiels – er kann erkennen, dass er spielt.
Um dieses Selbst herum liegen die Rollen und Masken, die wir im Alltag einnehmen.
Kaum ein Mensch lebt nur in einer Rolle.
Im Laufe eines Tages wechseln wir häufig unseren „Avatar“: morgens Elternteil, tagsüber Kollegin oder Führungskraft, abends Freund oder Freundin und online vielleicht Community-Mitglied. Diese Rollen sind notwendig, denn Gesellschaft funktioniert nur, weil Menschen verlässlich Rollen übernehmen.
Problematisch wird es erst, wenn wir vergessen, dass es Rollen sind. Dann entstehen Überidentifikation, Rollenkonflikte, innere Erschöpfung oder der Verlust von Authentizität. Eine zentrale Kompetenz moderner Lebensführung besteht deshalb darin, Rollen bewusst spielen zu können, ohne sich in ihnen zu verlieren.
Die nächste Ebene des Spielfelds bilden die Spielregeln – also Normen und Systeme.
Jedes Spiel braucht Regeln, und auch unser gesellschaftliches Zusammenleben basiert auf komplexen Regelwerken: Gesetze, soziale Normen, Organisationsstrukturen, kulturelle Codes und unausgesprochene Erwartungen.
Das Faszinierende ist, dass die meisten dieser Regeln menschengemacht und damit grundsätzlich veränderbar sind.
Dennoch bewegen sich viele Menschen durch Systeme, ohne sie wirklich zu durchschauen. Sie spüren Reibung, Ungerechtigkeit oder Druck, können aber nicht genau benennen, woher er kommt.
Reife auf dieser Ebene bedeutet, Regeln zu verstehen, ihre Funktion zu erkennen, ihre Grenzen zu sehen und sie – wenn nötig – konstruktiv weiterzuentwickeln. Zwischen blindem Regelgehorsam und destruktivem Regelbruch liegt ein breites Feld bewusster Gestaltung.
Noch deutlicher wird die soziale Dimension auf der Ebene der Mitspielerinnen und Mitspieler. Menschen sind keine Solospieler.
Fast alles, was unser Leben prägt, entsteht im Zusammenspiel mit anderen: Kooperation, Wettbewerb, Konflikt, Vertrauen, Macht und Zugehörigkeit. Hier zeigt sich eine tiefe Wahrheit: Menschsein entfaltet sich in Beziehung.
Viele Herausforderungen moderner Gesellschaften – von Teamkonflikten bis zu gesellschaftlicher Polarisierung – sind letztlich Störungen im Multiplayer-Modus unseres Zusammenlebens.
Eine zentrale Entwicklungsaufgabe besteht daher darin, fair konkurrieren zu können, konstruktiv zu kooperieren, Konflikte auszutragen und Verbindung zu halten, auch wenn Unterschiede bestehen bleiben.
Die äußerste Ebene des Spielfelds betrifft das große gemeinsame Spiel der Gesellschaft und die Frage nach Sinn.
Hier geht es um Zukunftsbilder, kollektive Werte und die Gestaltung unseres Zusammenlebens.
- Welche Zukunft wollen wir?
- Welche Werte sollen unser Miteinander prägen?
- Wer gestaltet die Regeln – und wer bleibt außen vor?
An diesem Punkt wird deutlich, dass Gesellschaft kein statisches Gebilde ist, sondern ein fortlaufender Aushandlungsprozess.
Wir spielen nicht nur im System – wir gestalten es mit. Diese Einsicht ist zentral für demokratisches Denken, Wertearbeit und gesellschaftliche Verantwortung.
Gerade für junge Menschen kann es hilfreich sein, diese Ebenen als eine Art Level-System zu verstehen.
- Im ersten Level geht es darum, sich selbst wahrzunehmen und eigene Werte zu entdecken.
- Im zweiten Level lernen Menschen, Rollen bewusst zu spielen.
- Im dritten Level beginnen sie, die Regeln von Systemen zu durchschauen.
- Im vierten Level entwickeln sie echte Kooperations- und Beziehungskompetenz.
- Und im fünften Level übernehmen sie Verantwortung für das Ganze und gestalten Systeme aktiv mit.
Wichtig ist dabei: Diese Level sind keine starre Hierarchie. Menschen bewegen sich je nach Lebensbereich unterschiedlich sicher durch diese Ebenen.
Ein häufiger Einwand lautet: Wenn alles ein Spiel ist, ist dann nichts mehr ernst?
Die Antwort ist eindeutig nein. Ein Spiel kann hochbedeutsam sein.
Olympische Wettkämpfe, Gerichtsverfahren, demokratische Wahlen oder wirtschaftliche Verhandlungen folgen klaren Spielstrukturen – und sind dennoch von großer Tragweite.
Der Spielcharakter bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Struktur, Regeln und Bedeutung. Die eigentliche Reifefrage lautet deshalb nicht, ob alles ein Spiel ist, sondern welche Spiele menschenwürdig sind und welche nicht.
Genau hier kommen Werte ins Spiel.
In einer Zeit wachsender Komplexität, sich schnell wandelnder Arbeitswelten, permanenter digitaler Rollenumgebungen und zunehmender gesellschaftlicher Spannungen kann das Modell des Spielfelds eine wichtige Orientierungsfunktion übernehmen.
Viele Menschen – besonders junge – spüren intuitiv, dass sie sich in komplexen sozialen Spielen bewegen, ohne die Regeln vollständig zu verstehen. Ein bewusster Blick auf die verschiedenen Ebenen kann helfen, Selbstwirksamkeit zu stärken, Systemkompetenz aufzubauen und die eigene Rolle in einer demokratischen Gesellschaft klarer zu sehen.
Wenn man die Spielmetapher ernst nimmt, verdichtet sich eine kraftvolle Einsicht: Der Mensch ist ein bewusstes, sinnstiftendes Beziehungswesen, das in selbstgeschaffenen Regelräumen handelt – und diese verändern kann.
Oder einfacher gesagt: Menschsein heißt, zu verstehen, welches Spiel läuft, und verantwortungsvoll mitzuspielen. Darin liegt eine große Chance unserer Zeit – nicht nur mitzuspielen, sondern das gemeinsame Spiel des Zusammenlebens bewusster, fairer und menschlicher zu gestalten.
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Literaturtipp:
Sauer, Frank H. (2012): Spielend zum Ziel – Handbuch für das Erreichen Deiner persönlichen Ziele. Taschenbuch, ISBN 978-3-8334-0412-2. Online einsehbar u. a. bei
2 Gedanken zu “Das Spielfeld des Menschseins”
Ja, das Spielen ist eine wieder neu zu erlernende Tugend: https://www.values-academy.de/gamification/
„Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.“
Jacques-Yves Cousteau (1910–1997)